Deutscher Abkassierterror

Zwei Figuren reden über DeutschlandAls jemand der in unregelmäßigen Abständen gern auf YouTube in „Germany“-Videos stöbert (siehe meine Kategorie „Germæntion“), ist mir bei den Beschreibungen der Unterschiede zwischen Deutschland und im speziellen der USA ein immer wieder erwähnter Punkt aufgefallen, den ich hier gerne einmal ansprechen möchte.

Es geht dabei um das Abkassieren und anschließende Einpacken der Waren im Supermarkt. Ihr wisst schon, der Teil nachdem man diese hübsch säuberlich auf das „Kassenband“ gelegt und auf selbigem mit den entsprechenden „Warentrennern“ sein Revier markiert hat. Beides komischerweise Wörter, die es offenbar nicht in den amerikanischen Sprachwortschatz geschafft haben.

Kassenband im Supermarkt mit Waren

Our typical shop at Morrisons“ von Kai Hendry ist lizensiert unter CC BY 2.0

Während einem in den USA offenbar ein sogenannter „bagger“ (abgeleitet vom englischen „bag“ → Tüte oder Beutel und nicht Bodos Arbeitsgerät) die Einkäufe direkt transportfertig in Tüten einpackt, und es diese Kunst zu solcher Blüte getrieben hat, dass dieser Berufsstand schon nationale Meisterschaften veranstaltet, herrscht in unseren Supermärkten nach meiner Erfahrung das Prinzip „Friß oder stirb“ bzw. eben die viel zitierte „Servicewüste Deutschland.“

Seit Einführung der modernen Scannerkassen, über die man die Ware zum Scannen des Barcodes nur noch herüberziehen muss, hat sich die Situation nach meinem Empfinden sogar noch verschlimmert. Ich kann meinen Einkaufswagen mittlerweile gar nicht mehr schnell genug an das Ende der Kasse manövrieren, um das Stakkato des Stroms an abkassierten Waren vom Herabfallen auf den Boden zu bewahren.

Vermutlich wird das Kassenpersonal in knallharten, menschenschinderischen Seminaren darauf trainiert in solchem Momenten jedweden Blickkontakt zum Kunden zu vermeiden. Ansonsten würden sie nämlich in meine gehetzten und hilflosen Augen blicken, die um Gnade und eine Pause flehen.

Unterstützt durch den genervten Blick der nachfolgenden Kunden, denen der Vorgang offenbar immer noch nicht schnell genug von statten zu gehen scheint, gesellt sich dann noch das Gefühl der Un­zu­läng­lich­keit hinzu. Offenbar bin ich stets der einzige Kunde im Laden, der nicht fähig ist, seine Einkäufe „deutsch“, „zackig“ und „effizient“ in den Einkaufswagen zu verfrachten, um den Kassenbereich zügig zu räumen. Das lese ich zumindest aus dem leicht angewiderten Gesichtsausdruck der in der Kassenschlange nachfolgenden Mitmenschen. Fehlt eigentlich nur, dass einer von denen den moralischen Zeigefinger hebt und ein Gespräch eröffnet mit den Worten: „Wenn ich ihnen da mal einen Tipp geben darf …

Dabei bin ich sogar schon dazu übergegangen, die Waren nach Grad der Schwere auf das Kassenband zu legen, damit mir beim hastigen Wiedereinräumen nicht die schwere Dose Tomaten auf den Karton mit den Eiern fällt. Erfahrungswerte eben.

Selbst ein kurzzeitiger Stau veranlasst die Kassierer in meinem lokalen Supermarkt nicht, die Tätigkeit kurz einzustellen. Nein, die Ware wird gnadenlos weitergescannt und bedrohlich kunstvoll in die Höhe gestapelt. Man fühlt sich fast an die berühmte Fließbandszene aus Charlie Chaplins „Modern Times“ erinnert.

Ich wette in diesen ominösen Seminaren wird auch eine Unterrichtseinheit Jenga gelehrt. 😉

Während ich noch im Einkaufswageneinräumprozess gefangen bin, bellt mir die „nette“ Dame nach Beendigung ihres „Waren über eine Glasplatte schieben“-Prozesses einen Geldbetrag entgegen, dessen Bezahlung – unterstrichen durch die fordernde Geste einer mir entgegengestreckten, geöffneten Hand – natürlich keinen Aufschub duldet. Na gut, dann eben erst bezahlen und dann den Rest einräumen.

Wer an dieser Stelle widererwartend ein bisschen Mitgefühl und menschliche Wärme seitens unserer Kassiererin erwartet, die uns unter wohlwollendem und mitleidigem Blicken noch ein paar Sekunden gewährt, um den Rest unserer Einkäufe im Wagen zu verstauen, der irrt sich. Die Waren des nächsten Kunden wandern unbeeindruckt ans Ende der Kasse und mischen sich mit meinem kläglichen Rest, der noch immer nicht den Weg in meinen Einkaufswagen gefunden hat.

Das Ende vom Lied ist, dass dort jetzt schon zwei aufgelöste Kunden stehen, die mit Argusaugen sich und die vermischenden Einkäufe bewachen, weil jeder von uns die Angst umtreibt, das Gegenüber würde in einem unbeobachteten Moment zum gemeinen Dieb avancieren und sich am Glas mit den Gewürzgurken vergreifen. Oder habe am Ende nur ich so wenig Vertrauen in meine Mitmenschen, dass ich so niedere Motive unterstelle?

Die Kirsche auf dem Sahnetüpfelchen dieser Beschreibung meines durchschnittlichen Einkaufserlebnisses ist, dass die erwähnte Supermarktkasse durchaus mit so einer Trennfahne am Ende ausgestattet ist, die ein Vermischen der Einkäufe verhindern und mir genug Zeit geben würde den Kassenbereich in ruhigen Bahnen zu verlassen. Wie es scheint ist die Funktionsweise dieses Kassenmerkmals allerdings nicht Teil der Mitarbeiterschulung. Oh du grausame Welt.

P.S. Dana Newman vom YouTube-Channel „Wanted Adventure“ beschreibt in ihrem Video „Why I SUCK at Grocery Shopping in Germany“ ein verblüffend ähnliches Szenario.

Nachtrag ( 2.9.2016 ):

Wie es der Zufall so will, erwähnt Hayley Alexis, eine Amerikanerin (Florida) aus München, in einem ihrer letzten Videos das gleiche Problem. Man kann hier also wirklich von einem „Typisch Deutsch“-Phänomen sprechen. 🙂

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4 Gedanken zu “Deutscher Abkassierterror

  1. Super geschrieben Martin, du sprichst mir aus der geplagten Kundenseele. Hin und wieder schaffe ich es, diesen Wahnsinn zu ignorieren und mache beim wegräumen extrem langsam und dann zähle ich noch die Centstücke aus meinem Portemonnaie. 😂😂

    • Ich muss gestehen, ich neige in solchen Fälle auch zu leicht passiver Aggressivität und mache dann extra langsam. Leider löst das nicht das grundlegende Problem.

      Bin in letzter Zeit schon manchmal versucht, das Problem doch offen anzusprechen. Allerdings will ich im entscheidenden Moment dann doch nur wieder schnell nach Hause und nicht ein Gespräch vom Zaun brechen.

  2. …Und wenn man dann lächelt und der Kassiererin mit Augenkontakt einen schönen Abend wünscht, schauen die meistens total überrascht und irritiert. Vermutlich bekomme ich irgendwann deswegen mal eine Anzeige wegen sexueller Belästigung, oder sowas. 😀

    • Hahaha, habe ich auch schon ein paar mal gemacht. Ich mache mir gelegentlich auch den Spaß die Kundentreue-|Bonuskarte schon direkt zu Beginn zu überreichen, um den einstudierten Trott zu brechen.

      Wenn die Einkäufe nämlich eingescannt sind, rufen die KassiererInnen immer automatenhaft „Ham’se ne Payback-Karte?“. Das ist dann immer mein Einsatz und je nach Tagesform reagiere ich dann überrascht, bestürzt oder milde lächelnd mit „Die habe ich ihnen doch schon gegeben“. Ist immer ein guter „Gesprächs-Opener“. 🙂

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