Tattoo-Dilemma

Was Tattoos angeht, ist mein Körper abgesehen von ein paar Muttermalen hier und da noch immer eine weiße, unbefleckte Leinwand. Der Traum und Alptraum jeden Malers.
Das hat natürlich mehrere Ursachen, welche ich mangels eines besseren Themas einfach völlig ungefragt in diesen Blogbeitrag gieße. 😉

Tätowierter Elefant

Da wäre zunächst mal meine Hypochondrie kombiniert mit den kolportierten Horrorgeschichten über nicht vorschriftsmäßig desinfizierte Tätowiernadeln und -studios und die etlichen Krankheiten, die man sich einfangen kann. Die bekannte Baywatch-Blondine Pamela Anderson hat sich an der Nadel ihres Mannes schließlich eine unschöne „Hepatitis C“ Infektion eingefangen.

Das allein war schon immer Grund genug, mich von jedem Tattoo-Studio fernzuhalten. In der Regel vermitteln diese ja auch nicht gerade den Eindruck eines gut desinfizierten, Krankenhauszimmers.

Den nächsten Punkt hat für mich der TV-bekannte Tätowierer Daniel Krause in mein Bewusstsein gerückt, als er einen Bundesverband Tattoo gründete, um einen einheitlichen Standard bzw. das professionelle Berufsbild des Tätowierers zu etablieren. Das umfasst z.B. einheitliche Arbeits- und Hygienestandards oder eine Nachweispflicht von Fachkenntnissen im Tattoogewerbe. Bisher kann sich nämlich wie bei den Nagelpflegern offenbar jeder Tätowierer nennen.

Auch sein Kampf für gesundheitlich unbedenkliche Tattoofarben hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass noch gar nicht richtig erforscht ist, was wir da unter unsere Haut stechen. Bei vielen Tätowierern fehlt erschreckend oft das Problembewusstsein. Den Leuten ist vielfach gar nicht bekannt, was genau da dem Kunden unter die Haut gestochen wird. Blau ist eben blau.

Der dritte und höchstwahrscheinlich wichtigste Grund, wieso meine Haut noch immer unbebildert erstrahlt, ist allerdings die Frage nach dem Motiv.

Es heißt ja immer, stechen sollte man sich nur solche Motive, die einem auch dann nicht peinlich sind, wenn man als bettlägriger, alter Sack im Pflegeheim zur Vermeidung eines Dekubitus-Geschwürs stündlich umgelagert werden muss und die Schwester einen Blick auf das Kunstwerk werfen kann.

Genau das ist die Krux an der Sache. Bisher will mir einfach kein Motiv einfallen, das dieses Kriterium erfüllt. Nichtsdestotrotz habe ich mir schon oft über Motive Gedanken gemacht, die mich alle Bedenken über Bord werfen ließen. Und was soll ich sagen, über all die Jahre, sind nur zwei Kandidaten übrig geblieben bzw. haben sich herauskristallisiert.

Da wäre zum einen die bildliche Darstellung meines inneren Schweinehundes, den ich zwar „liebevoll Krastro“ nenne, der in meiner Vorstellung aber nichts mit einem treu doofen, schwanzwedelnden Hund gemein hat, sondern eher an die Bilder von unter der Wasseroberfläche lauernden Monstern (1, 2, 3, 4, 5) erinnert.

Leider hat die Tatsache, dass „Krastro“ ein Monster ist, nie ausgereicht, ihn mir auch bildlich vorstellen zu können. Deswegen – bisher kein Tattoo.

In Tim Urbans TED Talk ist es übrigens kein Schweinehund, sondern ein Affe. Auch das hat „Krastros“ Bild in meiner Vorstellung zu meinem Bedauern nicht schärfer gezeichnet.

Das zweite Motiv wäre eine bildliche Darstellung des berühmten Richard Dawkins Zitats aus seinem Buch „Der entzauberte Regenbogen

Wir alle müssen sterben, das heißt, wir haben Glück gehabt. Die meisten Menschen sterben nie, weil sie nie geboren werden. Die Männer und Frauen, die es rein theoretisch an meiner Statt geben könnte und die in Wirklichkeit nie das Licht der Welt erblicken werden, sind zahlreicher als die Sandkörner in der Sahara. Und unter diesen ungeborenen Geistwesen sind mit Sicherheit größere Dichter als Keats, größere Wissenschaftler als Newton. Das wissen wir, weil die Menge an Menschen, die aus unserer DNA entstehen könnten, bei weitem größer ist als die Menge der tatsächlichen Menschen. Und entgegen dieser gewaltigen Wahrscheinlichkeit gibt es gerade Sie und mich in all unserer Gewöhnlichkeit.

Die Tatsache, dass von allen denkbaren Kombinationsmöglichkeiten der DNS meiner Eltern nur ich das Licht der Welt erblickt habe, empfand ich zu verschiedenen Zeiten schon immer als Motivation, etwas Besonderes aus meinem Leben zu machen.

Für eine symbolische, knackige Darstellung in einem Tattoo fehlt mir bisher die Fantasie. Den Spruch selbst zu stechen, wäre in meinen Augen fantasielos. Da könnte ich mir genauso gut die chinesischen Schriftzeichen für „Toilette“ als Schlampenstempel eintätowieren lassen.

Sollte ich also jemals einen entsprechenden Geistesblitz haben, meine Hypochondrie überwunden haben und die Tattoofarbe klinisch nachgewiesen unbedenklich sein, könnt ihr sicher sein, dass ich der erste in der Schlange vor einem Tattoo-Studio bin. 🙂

Nachtrag ( 13.7.2016 ):

Wie schon früher, ist einige Tage später auf bento, welches zu Spiegel-Online gehört, ein thematisch verwandter Artikel erschienen, den ich hier der Vollständigkeit halber nachreiche.

Wenn mein Blog nicht der Inbegriff des „Long Tail“-Blogs wäre, müsste ich glatt davon ausgehen, die Spiegel-Online-Redaktion scannt in regelmäßigen Abständen mein  unbedeutendes Blog auf der Suche nach den Stories von morgen. 😉

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7 Gedanken zu “Tattoo-Dilemma

  1. Vielen Dank für die Alpträume, die ich bekommen werden, weil ich auf die Unterwassermonsterlinks geklickt habe.

    Zum Thema Tattoo geht es mir übrigens genauso. Insbesondere die Idee etwas „Lustiges“ aber auch Kunstvolles stechen zu lassen, scheiterte bei mir immer daran, dass man erst in der Rückbetrachtung weiß, was „zeitlos“ ist. Die Tribals will heute niemand mehr sehen, nachdem Michael Mittermeier sie als Arschgeweih bekannt gemacht hat. Und Witze sind so schnell abgenutzt.

    Hier könnte ihre Werbung stehen

    ist auch schon lange kein brauchbarer Gag für Medienwissenschaftler mehr, sondern blanke Realität. Daher gehen auch mir die Ideen aus, was ich ewig auf meiner stehen haben möchte …

    • Vielen Dank für die Alpträume …

      Da hast du offenbar keinen Blick in die verlinkte „Dekubitus“ Wikipediaseite geworfen. 😉

      Daher gehen auch mir die Ideen aus, was ich ewig auf meiner stehen haben möchte …

      Das für mich einzig legitime sind zum einen Motive, die etwas über die eigene Persönlichkeit aussagen. Aber dazu müsste man sich selbst erst einmal gut genug kennen, um ein Motiv zu finden, dass lebenslang Gültigkeit hat.

      Das andere sind Motive zur Selbstmotivation, die man immer vor Augen haben will. Irgend etwas, dass dich motiviert, z.B. bewußter zu leben, irgendein Laster aufzugeben, dich zu verbessern, …

  2. Ich habe seit 16 Jahren ein Tattoo, gewidmet meinem verstorbenen Bruder. Seit neuestem habe ich die Idee für ein neues, da ich nach buddhistischen Prinzipien lebe, wird es das Om Mantra sein. Mein Tattoo Studio ist steriler und hygienisch sauberer als das modernste Krankenhaus (bisschen angeben muss ich schon) 😉 …ich bin jedenfalls auf dein Tattoo gespannt… 🙂

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