Pray for Paris?

Achtung, es folgt eine persönliche Meinung für die ich im Zeitalter der Empörungskultur, des Shitstorms und der abnehmenden Akzeptanz diametraler Meinungen in unserem Kulturkreis im Zweifelsfall nur verbal gesteinigt werde.

Was habe ich in den letzten Tagen nicht alles über die Ursachen und Gründe für den Anschlag in Paris gelesen und gehört. Da wird über den inneren Aufbau von ISIS und dessen verquere Rechtfertigungslogik sinniert, über Konflikte im Nahen und Mittleren Osten gesprochen, die nicht die gebotene Aufmerksamkeit in unseren Medien erhalten, über geschichtliche Strömungen des Islam, Wahabiten, Salafisten, … aber leider wird meiner Meinung nach immer noch viel zu selten über den sprichwörtlichen „Elefanten“ im Raum gesprochen.

Es ist natürlich die Religion selbst, der wir das alles zu verdanken haben. Deren „Nebenwirkungen“ werden auf dem Beipackzettel aber offensichtlich nie erwähnt oder seltsamerweise stets einem anderen Präparat zugeschrieben.

praying man silouette

Wie immer nach solchen Anschlägen beklagen auch diesmal moderate Religionsanhänger automatistisch zu Recht eine Pervertierung ihres Glaubens. Dabei will ich nicht mal speziell vom Islam reden sondern meine grundsätzlich jede Religion. Ob nun Christentum, Islam oder Judentum — jede Glaubensrichtung ist laut deren moderaten Anhängern vom Prinzip oder Verständnis her friedliebend.

Dennoch scheint komischerweise niemand den Schluß zu ziehen, das selbst Religion mit den besten Absichten erst das Biotop bereitet, in dem früher oder später radikale Anhänger aufgehen. Unhinterfragter Glauben ist eben keine Tugend sondern eine Einstiegsdroge für das richtig harte Zeug.

Wieso können wir während des Erwachsenwerdens problemlos den kindlichen „Glauben“ an Weihnachtsmann oder Osterhase ablegen aber ziehen bei einem unsichtbaren Freund mit Superkräften und Wohnsitz im Himmel die Grenze? Und nein, ich spreche natürlich nicht von Superman. 😉

Das ursächlichste Problem ist die Religion selbst und es wird leider viel zu selten gesagt. Deshalb ist jeder, der in Anlehnung an den beliebten Hashtag #PrayforParis für Paris „betet“, für mich bedauerlicherweise Teil des Problems.

Advertisements

21 Gedanken zu “Pray for Paris?

  1. Pingback: Pray for Paris? Dreibeinblog

  2. Hallo Martin,

    habe heute Deinen Blogeintrag auch im Dreibeinblog.de mit Link und Autorenkennzeichnung übernommen. Ich denke, daß Du nichts dagegen hast. Falls doch, dann sag es und ich kicke das wieder.

    Aber Dein Text ist so gut und spricht mir so aus der Seele, der muß verbreitet werden.

    Liebe Grüße

    Peter

    • Natürlich habe ich in diesem Fall nichts gegen ein Großzitat. Mein Punkt ist ja gerade, dass viel zu wenig Leute der Religion selbst die Schuld geben. Da ist jede weitere Stimme im Kanon herzlich willkommen. 🙂

      Trotzdem ist es natürlich „mutig“, ungefragt einen ganzen Artikel zu kopieren. Ich muss zugeben, dass mich die „Chuzpe“, ihn einfach zu übernehmen etwas überrascht hat. Das du als Autor ein leidenschaftlicher Verfechter des Urheberrechts bist, beweisen schließlich deine vielen Beiträge zum Thema Urheberrecht. Unter deinem Artikel steht zudem, er wurde von einem Gast verfasst oder mit dessen Erlaubnis übernommen. Beides traf ja zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht zu.

      Dennoch bitte ich diese Zeilen nicht falsch zu verstehen. Ich bin keinesfalls böse sondern dir in dem Fall wirklich für die vergrößerte Reichweite dankbar. 😀

  3. So habe ich früher auch gedacht, bis mir der Gedanke kam, dass Religionen damit absolut nichts zu tun haben. Menschen wie die Terroristen schieben Religionen nur vor, um ihre geistesgestörte Weltsicht zu begründen/sich selbst zu erklären oder ihrem Leben einen Sinn einzuhauchen. Im Grunde genommen wären sie so oder so menschlicher Abfall geworden, Glaube hin oder her.

    • Da möchte ich widersprechen. Die „geistesgestörte Weltsicht“ impft im Fall der radikalen Islamisten (Stichwort „Scharia“, „Kalifat“, „Dhschihad“, …) ja gerade die Religion erst ein.

      Die angeblich moralische Überlegenheit (Gläubige gegen Ungläubige [Kāfir]) und die sprachliche Entmenschlichung aller Nichtmuslime durch Hassprediger tut ihr Übriges.

      Siehe dazu auch z.B. die beiden aufschlussreichen Dokumentationen von Robb LeechMein Bruder der Islamist“ und „Mein Bruder der Terrorist“, die leider nicht mehr in der ZDF-Mediathek verfügbar sind.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s