Keimhysterie

Als ich gestern einen dieser Sagrotan No-Touch Seifenspender Werbespots gesehen habe, bestand kurz die Gefahr, die Bildröhre mit einem Feuermelder zu verwechseln und diesen im vorliegenden Verdummungsfall einzuschlagen. Habt ihr den Spot mal gesehen?

Was da in den letzten Jahren werbetechnisch für ein Keimfeuerwerk abgefeuert wurde, geht ja auf keine Bahnhofstoilettenbrille mehr.

Nach Telefonen, Kinderhochstühlen, Türklinken und Fliesenfugen sind nun also auch die Seifenspender selbst extremst verkeimt. Herrscht in Deutschland wirklich schon so eine große Keimphobie, dass Hausfrauen beim Gedanken an den Seifenspender in kalte Schweißausbrüche verfallen und ihr Heil in elektronisch gesteuerten Seifenspendern suchen? Wird so etwas wirklich gekauft?

Erstaunlich an dem Spot ist ja, dass er mit keinem Wort auf den möglicherweise keimbelasteten Wasserhahn eingeht. Was nützen mir die sterilsten Hände, wenn ich abschließend zum Abdrehen des Wassers wieder in das muntere Keimmilieu des Wasserhahns greifen muss?

Mit Logik darf man an die Sache aber wohl sowieso nicht herangehen, ansonsten würde man schnell merken, dass man erst nach Kontakt mit dem Spender damit beginnt, seine Hände einzuseifen. Folglich sind die Keime auf dem Spender vernachlässigbar, sofern man der Versuchung widerstehen kann, ihn vor Gebrauch abzulecken. 😉

Ich verstehe nicht, warum man den Seifenspender nicht einfach unter dem Aspekt des Komfortgewinns beworben hat. Der Spot sähe dann so aus, dass jemand mit völlig verschmierten Händen ans Waschbecken tritt und versucht den Seifenspender zu drücken, ohne den Dreck auf seinen Händen darauf zu verteilen. Sagen wir der Einfachheit halber mal, es ist ein Mann, der gerade am Motor seines in der Garage stehenden Oldtimers gebastelt hat.

Er versucht also, den Spender mit seinem Ellbogen herunterzudrücken, rutscht ab, schlägt mit dem Kopf in den Badezimmerschrankspiegel ein, welcher zerbricht. Woraufhin er erschreckt nach hinten stolpert, auf dem Läufer ausrutscht, rückwärts in den Duschvorhang stolpert und diesen im Fall abreisst, bis er samt Vorhang in der Badewanne zum Liegen kommt. Seine leblose Hand kommt zufällig genau unter einem No-Touch Seifenspender in Badewannennähe zur Ruhe, welcher jetzt die optimale Menge Seife auf der Hand verteilt. Dann wird noch ein Schriftzug wie „Es könnte so einfach sein! Der neue No-Touch Seifenspender“ eingeblendet und gut ist. Aber nein, es muss ja unbedingt Keimhysterie sein. Traurig.

Was mich angeht, werde ich jedesmal, wenn ich einen dieser Keimhysteriespots sehe, unweigerlich an George Carlins HBO Special You Are All Diseased (1999) und im speziellen seine „Fear of germs“-Nummer erinnert.

Also bitte liebe Werbeindustrie. Schluss mit dieser Keimhysterie oder mit den Worten von Walter Ulbricht:

„Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen?

Nachtrag ( 19.03.2012 ):

Sehe gerade, dass die Leute vom werbewahn Blog vor ein paar Tagen auch schon einen Artikel über diesen Sagrotan Seifenspender geschrieben haben. Nachdem dort ein paar weiterführende Informationen verlinkt sind, weise ich gern daraufhin. 🙂

Nachtrag ( 23.03.2012 ):

Wie es der Zufall so will, berichtet der Spiegel heute über einen Science Artikel und die darin beschriebene Studie an Mäusen, die belegen soll, dass eine keimfreie Umgebung der Gesundheit schadet.

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12 Gedanken zu “Keimhysterie

  1. Sag mal, habe ich eben richtig gehört? HUNDERTE Bakterien??? H_U_N_D_E_R_T_E?????

    Wenn ich eben vor Wut auf den Bildschirm gespuckt hätte, dann hätte ich wohl eine Zahl Bakterien dort verteilt, die ca 7 Nullen mehr gehabt hätte…

    Hunderte Bakterien auf einem Quadratzentimeter ist ja schon fast steril 😀

  2. Pingback: gronkh & Der Spiegel | IQ-Atrophie

  3. Bei den ganzen Chemiekeulen, die die Leute heute gegen die bösen Bakterien auffahren, ist ja auch kein Wunder, dass Hautpilze auf dem Vormarsch sind. Könnte vielleicht auch damit zu tun haben, dass ein paar der „Bösewichter“ zum Schutzmantel der Haut gehören und antiseptisches Zeug auf Dauer nicht nur die Hautflora zerschießt, sondern auch die Haut verstärkt austrocknet. Die dann mitunter rissig wird. Was eventuell eine prima Einfallspforte für Keime darstellt, die da NICHT hingehören.

    • Du nimmst mir das Wort aus dem Mund. Es ist fast schon Ironie des Schicksals, dass Keimphobiker, die sich ständig die Hände waschen und damit den Schutzmantel der Haut zerstören, prädestiniert sind für allerlei Hauterkrankungen.

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