Die Mär vom Konvertär

Vor einigen Tagen habe ich diesen interessanten englischen Gastkommentar der Free Software Foundation Europe (FSFE) auf heise.de zum Thema Microsoft Office OpenXML gelesen. Die Schlussfolgerungen und Feststellungen darin fand ich so aufschlussreich bzw. nachvollziehbar, das ich mir gedacht habe, ich greife das Thema mal auf.

Dazu muss man vorher nochmal ausholen, und erklären, um was es in der ganzen Debatte überhaupt geht.

Mit der Notwendigkeit der Archivierung digitaler Daten und angesichts ständig wechselnder Dateiformate erkannte man, das es im Lauf der Zeit problematisch werden kann, auf diese Jahre später noch zugreifen zu können.

Was nützt die beste Archivierung, wenn später nicht mehr das passende Programm zur Verfügung steht? Was passiert, wenn das Format dermaßen veraltet ist, das kein Programm mehr existiert, welches dieses noch unterstützt?

Ein weiteres Problem ist, dass man mit herstellerspezifischen, geschlossenen Dokumentenformaten stets auf Gedeih und Verderb an eben jenen Hersteller gebunden ist. Was nützen die archivierten Dokumente wenn in 50 Jahren der Hersteller vom Markt verschwunden und das entsprechende Format nur noch ein Eintrag in einem Geschichtsbuch ist?

Angesichts all dieser und weiterer Probleme hat man in den letzten Jahren Anstrengungen für einen herstellerübergreifenden Dokumentenstandard unternommen, welcher all diese Probleme aus der Welt schaffen soll. Durch eine Standardisierung soll gewährleistet sein, das ein Dokument von jedem beliebigen Programm fehlerfrei geöffnet und bearbeitet werden kann.

Der eine oder andere wird sich hier vielleicht an das Html Format erinnert fühlen. Auch dieses wurde standardisiert und kann inzwischen herstellerunabhängig von jedem am Markt erhältlichen Browser verarbeitet werden, sofern dieser den anerkannten Standard korrekt implementiert hat. 😉

Exakt das gleiche ist mit dem „Open Document Format“ oder kurz ODF genannten Standard nun auch für Dokumente angedacht.

Anstatt sich nun an der Arbeit um diesen quelloffenen, herstellerunabhängigen Dokumentenstandard zu beteiligen, sah man sich auf Seiten Microsofts genötigt, selbst einen solchen Standard zu entwickeln und diesen gegen den bereits zertifizierten in Stellung zu bringen.

Microsoft äußert Bedenken durch einen Standard in ihrer Arbeit eingeschränkt zu werden, da man nicht alle Features ihrer Office Suite mit ODF abbilden könnte. Die Frage, wieso ein teueres Officepaket aus dem Hause Microsoft erwerben, wenn ein kostenlos erhältliches Programm wie OpenOffice ähnliche Merkmale bereitstellt, mag auch eine Rolle gespielt haben. Das Arbeitsergebnis wäre in beiden Fällen das gleiche, nämlich ein standardkonformes Dokument.

Mit MS Office als eine der Cashcows sah Microsoft mit einem herstellerunabhängigen Standard vielleicht ihre Felle davon schwimmen.

Über das, was nun letzendlich zu der Überzeugung für einen zweiten Dokumentenstandard neben ODF geführt hat, will ich hier gar nicht spekulieren.

Microsoft strebt, wie bereits ODF, eine ISO Zertifizierung für ihren „Microsoft’s Office OpenXML“ kurz MS-OOXML Standard an. Die Kritik aus dem ODF Lager lies verständlicherweise nicht lange auf sich warten. Wozu zwei Standards für ein und die selbe Sache?

Im Kampf um das eigene Format, und um den Kritikern zu begegnen hat Microsoft inzwischen die PR Maschine angeworfen.

So arbeite man mit diversen Partner wie Novell, Xandros, Linspire und Turbolinux an einem Konverter, der das Microsoft eigene Format verlustfrei in das ODF Format überführen soll. Auf diese Weise möchte man Bedenken gegen das eigene Format ausräumen. Um genau diesen Konverter geht es in oben erwähnten Gastkommentar.

Laut Microsoftaussagen ist MS-OOXML technisch überlegen und biete über dies hinaus die Möglichkeit mehr Features anzubieten als ODF. Die FSFE stellt hier die Frage, wie man dann das eine Format in das andere verlustfrei konvertieren könnte, sollte das der Wahrheit entsprechen.

Wenn Microsoft sich gezwungen sah, MS-OOXML zu entwickeln, um den vollen Umfang seiner Office Suite anbieten zu können, dies also mit ODF nicht möglich zu sein scheint, wie soll dann ein externer Konverter dies ermöglichen? Liese sich ein Dokument in beiden Formaten gleichermaßen erstellen, gäbe es keine Existenzberechtigung für MS-OOXML.

Die FSFE schlußfolgert daraus, dass ein entsprechender Konverter nichts anderes als ein leeres Versprechen ist.

Würde ein Benutzer von den Microsoft spezifischen Möglichkeiten Gebrauch machen, entspricht das Dokument keinem herstellerübergreifenden Standard mehr. Man wäre wie früher an den Hersteller und das Programm gebunden. Um das Dokument herstellerunabhängig zu halten, müsste der Benutzer also bewußt auf die Microsoft spezifischen Funktionen verzichten. Diese sind allerdings nirgends dokumentiert. Selbst eine Möglichkeit, MS Office mitzuteilen, nur ODF kompatible Funktionen/Merkmale zu nutzen ist nicht in Sicht.

Der einzige Ausweg, nicht im MS-OOXML Format gefangen zu sein, wäre damit logischerweise, sich von eben diesem fernzuhalten. Genau hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz. 😆

Mich persönlich erinnert die ganze Diskussion und Handelsweise an den Fall Internet Explorer und die Implementierung von Webstandards. Auch hier hat die Geschichte ähnlich angefangen. Man erkennt erstaunlich viele Parallelen. Ich bin gespannt, wie sich die Angelegenheit weiter entwickeln wird.

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