Schmerz lass nach

Erinnert ihr euch noch an den alten Witz von dem Mann, der zum Arzt kommt und über ein schmerzhaftes Brennen im rechten Auge klagt, jedesmal wenn er seinen Kaffee trinkt? Im Original empfiehlt ihm der Arzt vor dem Trinken den Löffel aus der Tasse zu nehmen. 🙂

Nicht so wenn es nach Bayer geht. In dem Fall würde der Arzt seinen Patienten mit einem kritischen Blick über die Brille auf seiner Nasenspitze mustern, und ihm dann nahelegen:

„Guter Mann, dann nehmen sie doch eine Aspirin.“

Wie komme ich jetzt darauf? Schuld daran ist der neueste Aspirinwerbespot, den ich vor nicht allzu langer Zeit gesehen habe. Die Protagonisten sind, wie schon in einem früheren Spot, wieder zwei beste Freundinnen. Dieses Mal hat man sich offensichtlich gegen den Besuch eines Fitnessstudios mit anschließendem Muskelschmerz entschieden, sondern stattdessen den lange verdienten Kurzurlaub angetreten. Mit irgend etwas muss man sich für diese Schufterei ja schließlich auch belohnen.

Unsere zwei quietschfidelen Frauen flanieren durch die maritime Architektur eines Südlandes und stoßen, wie sollte es auch anders sein, auf einen imposanten Turm (Kirche?), den es natürlich alsbald zu besteigen gilt.

Unsere im Geist jung gebliebenen machen sich an die Bewältigung der nicht endend wollenden Wendeltreppe. Der Versuchung, dabei die Anzahl der Treppenstufen lauthals mitzuzählen, ist anscheinend so schwer zu widerstehen, das sie es dann auch gar nicht erst versuchen. Hach ist das spassig. Fehlte noch, das sie oben angekommen, anfangen Gummitwist zu spielen. 😉

Am Ende sind es doch tatsächlich weit mehr als 300 Stufen. Herrlich, diese Aussicht. Das entschädigt für den langen Aufstieg. Vom Zählen erschöpft gönnt man sich erst einmal eine kleine Pause. Doch schon bahnt sich Unheil an.

Da haben sich unsere beiden Sahneschnitten dieses impostante Bauwerk hochgeschleppt und schon stellen sich bei einer der beiden Schmerzen in den Fortbewegungsextremitäten ein. Auf die Schmerzbeichte erwidert die beste Freundin wie immer den auswendig gelernten Satz:

Dann nimm doch eine Aspirin.

Für was ist man den monatelang ins Fitnessstudio getrabt, hat am Ende seinen Muskelschmerz stets mit Aspirin betäubt, wenn man dann angesichts von ein paar hundert Treppenstufen doch wieder schmerzende Beine hat?

Ist unsere gute Freundin vielleicht schon tablettensüchtig oder warum ist stets Aspirin die Allheil bringende Antwort?

Da haben sich mit unserer „Schmerzempfindlichen“ und der „Tablettensüchtigten“ ja zwei Richtige gefunden. Ein pharmakologisches Traumpaar. 😉 Ich male mit gar nicht aus, wie der Büroalltag unserer beiden Mädels aussehen mag:

Du Regina, ich habe mir gerade an meiner Schreibtischschublade einen Nagel eingerissen.
Dann nimm doch eine Aspirin.
Ich lese gerade so einen schmalzigen Herzschmerzroman.
Herzschmerz? – Dann nimm doch eine Aspirin.
Das mit deinem Hund tut mir leid. Ich teile deinen Schmerz.
Schmerz? – Dann nimm doch eine Aspirin.
Ich kann Anne Clark und ihren Weltschmerz bald nicht mehr hören.
Weltschmerz? – Dann nimm doch eine Aspirin.

Nach so einem Tag würde ich mich nicht wundern, wenn in ihren Adern früher oder später Acetylsalicylsäure statt Blut fließt. Säure statt Blut? Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Haben Xenomorphen vielleicht auch jahrelang unter Schmerzen gelitten? 😆

Aber Spaß beiseite. Der neue Spot stößt wie schon alle zuvor wieder ins gleiche Horn. Egal wo es ziept, erstmal eine Aspirin einwerfen. Die Beweggründe bzw. die Ziele sind offensichtlich. Das Einsatzgebiet erweitern und damit das Image als reine Kopfschmerztablette über Bord werfen.

Ich sage mal, mit so einer Werbekampagne wird das nichts. Welcher Mensch kommt denn bitte auf die Idee nach ein paar hundert Treppenstufen wegen der schmerzenden Beine eine Aspirin einzuwerfen? Nicht besonders glaubhaft die Szenerie. Da würde ich doch eher an meiner körperlichen Fitness zweifeln. Also wenn mir in so einer Situation jemand eine Aspirin anbietet, würde ich mich ernsthaft fragen, ob dieser jemand nicht schon ein zu inniges Verhältnis zu seinen Tabletten hat. 😉

Was haben wir denn im nächsten Spot zu erwarten? Schwerer Autounfall – das Opfer hat einen wunderbaren Blick auf seine aus dem Fleisch ragenden Schienbeine? Der Notarzt beugt sich über ihn:

Haben Sie Schmerzen?
(gereizt) Es könnte nicht besser gehen – HIMMEL, natürlich habe ich Schmerzen
Ja dann. Nehmen Sie doch erstmal eine Aspirin.

Wäre zumindest genauso glaubhaft. 😉

Herumkritisieren ist natürlich immer einfach. Deswegen eine Idee für einen Spot meinerseits, damit mir niemand etwas vorwerfen kann.

Man sieht einen Hobbyhandwerker in seiner kleinen Werkstatt wie er gerade ein bisschen herumwerkelt. Dabei stösst er an irgend ein Regal/Schrank. Ein Werkzeug rutscht aus dem oberen Fach und fällt unserem Pechvogel genau auf den Kopf.

Schmerzverzerrtes Gesicht – er reibt seinen lädierten Schädel.

Einblendung „Aspirin“

Der Schmerz zeichnet sich noch in seinem Gesicht ab. Trotzdem greift er zu seinem Hammer, um einen Nagel einzuschlagen.
Die linke Hand hält den Nagel – mit rechts wird der Hammer geschwungen. Diesen haut er sich mit Schmackes auf seinen Daumen.

Ein schöner Schrei – die Szene wird unscharf

Einblendung „gegen Schmerzen jeder Art“

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7 Gedanken zu “Schmerz lass nach

  1. Schöne Idee!
    Welcher Werbekünstler liest diesen Blog? Bitte Idee aufnehmen und in einen Werbespot umsetzen!

    Aber ich sage es mal so, Aspirin ist etwas für Weicheier ^^. Nein, im Ernst, persönlich bevorzuge ich es den Schmerz auszuhalten (vor allem wenn man selbst dran schuld ist).
    Hier kann man eben sehen, dass hinter Aspirin doch Kommerz steht. Denn wer wirklich bei jeder Kleinigkeit eine Tablette gegen den Schmerz einwirft ist doch wirklich ein Weichei/tablettenabhängig/leicht beeinflussbar/bald arm.

  2. ich glaube Aspirin soll vermehrt Assoziiert werden mit ALLTAGSBESCHWERDEN.

    Denn die meisten nehmen Aspirin ja nur wegen Kopfweh. Das das auch gegen andere Probleme hilft wissen ja die wenigen.

    So will Bayer natürlich den Absatz erhöhen das ist klar.

    Aber es birgt auch risiken:

    Immer und überall zu jeder Gelegenheit, bei jedem kleinen Schmerz soll laut bayer einfach eine Aspirin genommen werden und gut is.

    Das diese form der Unterdrückung nicht gut ist wissen aber nicht alle. Und genau da ist unser Hund begraben.

    Alexander Stritt

  3. Also, den Vorschlag des Autors zu einem neuen Werbespot finde ich gar nicht mal so übel. Aus marketingtechnischer Sicht ließe sich daraus sicher was machen.
    Ein anderer Werbesrpuch, der mir einfiele, ist:
    „Aspirin Bluter-fix. Für Blutverdünnung jeder Art“.
    Wer will schon Blutgerinnung in seinem Organismus? Ohne macht doch gleich mehr Spaß und sorgt für Aufregung und Nervenkitzel – gerade beim Heimwerken.

  4. Wobei die blutverdünnende Wirkung von Acetylsalicylsäure ja tatsächlich in der Medizin eingesetzt wird.
    Vorallem bei Herzinfarktspatienten bzw. zur Prophylaxe desselben.

    Hab ich vorher auch nicht gewusst.

  5. Frag mal nen richtigen Arzt, was der von Aspirin hält. Mein Schwager ist Orthopäde und hat regelmäßig Notfalldienst. Der schimpft über Aspirin immer wie ein Rohrspatz. Wenn Du dann einen Autounfallpatienten nicht operieren kannst, weil das Blut nicht mehr gerinnt vor lauter Aspirin, ist Schluss mit lustig.

  6. Füllen den wohl die Sanitäter vorher mit Aspirin ab?

    Von der Seite betrachtet, ist das natürlich wirklich nicht lustig. Sind wohl die berühmten zwei Seiten einer Medaille.

    Mal ist die blutverdünnende Wirkung erwünscht, und mal wieder nicht.

  7. Pingback: Werbewahn » Scheinexperten

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